Buchrezension · Literatur

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.
(Klappentext des Verlags)

Meine Gedanken

Außer sich ist kein Roman zum Wohlfühlen oder Lesevergnügen. Dafür habe ich es auch nicht in die Hand genommen. Mich hat interessiert, ob und was dieser Roman über Identität, Migration und Kultur erzählt – kurz: ob es sich lohnen könnte, mich mit diesem Werk in meiner Masterarbeit zu beschäftigen. In dieser Hinsicht bekam ich deutlich mehr als erwartet. Bei den meisten Romanen gibt es ein, zwei Aspekte, die sich mir als Untersuchungsgegenstand aufdrängen. Bei Außer sich schwirrt mir noch immer der Kopf voller verschiedener Ideen, Interpretationsansätzen und Möglichkeiten, diese zu kombinieren. Salzmann schafft es, komplexe Themenbereiche wie Identität, Sexualität, Kultur, Migration, Adoleszenz und Generationenkonflikt in einem Roman, einer Familiengeschichte gekonnt zu vereinen. Denn es geht nicht nur um Ali, gezwungener Maßen dreht sich ihre Geschichte immer auch um Anton. Doch darüber hinaus spielt auch die Geschichte der Eltern, der Großeltern und der Urgroßeltern eine Rolle. So entsteht eine Art Familienchronik des Suchens: Suche nach einem Lebenspartner, Suche nach einem besseren Leben, Suche nach sich selbst. Jede Generation ist von ihrer ganz eigenen Suche getrieben.

Die Handlung von Außer sich ist schonungslos. (Vorsicht: leichte Spoiler!) Ohne Kompromisse, geschweige denn Euphemismen, werden die Konflikte und Probleme dreier Generationen beleuchtet. Das persönliche Glück scheint für keine der Figuren möglich zu sein, dafür wird ihr individuelles Unglück nur umso intensiver beschrieben. Die Erzählperspektive wechselt zwischen autodiegetisch und auktorial, jede der Figuren wird bei mindestens drei verschiedenen Namen genannt und so erfordert es ein gewisses Maß an Konzentration, um der Handlung folgen zu können. Zudem ließ mich das Ende nach dem ersten oberflächlichen Lesen etwas ratlos zurück. Mir fiel es stellenweise schwer dran zu bleiben, da mir der Motor der Handlung fehlte. Die Frage, ob Ali ihren Zwillingsbruder findet erzeugt zwar Spannung, wird jedoch durch Erzähleinschübe über die Vergangenheit immer wieder unterbrochen und teilweise in den Hintergrund gedrängt.

Mit den Figuren konnte ich persönlich als Leser wenig anfangen. Ihre Persönlichkeiten sind mir so fremd, dass ich mich nie wirklich identifizieren konnte. Durch die Wechsel zwischen den Generationen, den Zeitabschnitten und den Erzählperspektiven war der Fokus nie lang genug auf einer Figur dran, um sie für mich greifbar werden zu lassen. Doch dieses Spiel, in dem sich die Figuren dem Leser immer wieder entziehen, scheint gewollt. Es unterstreicht nochmal in aller Deutlichkeit die Frage, die Suhrkamp zu einer Art Leitfrage des Romans erhoben hat: Wer sagt dir, wer du bist? Der Leser ist es jedenfalls nicht.

Meine Empfehlung

Ich kann nur nochmal betonen: Außer sich ist kein Roman zum Wohlfühlen oder Lesevergnügen. Mit war er stellenweise regelrecht unangenehm zu lesen, eine Nähe zu den Figuren oder eine anhaltende Spannung wollte sich nicht einstellen. Für mich hat der Roman seine Kraft erst hinterher entwickelt, er lässt einen nicht los und regt zum Nachdenken an. Außer sich präsentiert wichtige soziale, gesellschaftliche und politische Themen mit einer außergewöhnlichen Intensität.


Verlag: Surhkamp | ISBN: 978-3-518-42762-0 | Format: Hardcover | Seitenzahl: 366 | Quelle Coverbild: Webseite des Verlags

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Buchrezension · Literatur

Paul Hawkins: Die Nerven, die Briten!

Die etwas andere Gebrauchsanweisung für ein seltsames Volk – Ein Landsmann packt aus

Paul Hawkins ist Engländer und lebt in Berlin. Als die Briten für den Brexit stimmen, fasst er das als persönlichen Verrat auf und beginnt, an diesem Buch zu schreiben. Keine Eigenart seiner Landsleute lässt er aus, um so dem Rest Europas zu helfen, dieses teilweise etwas skurrile Volk vielleicht besser zu verstehen.

Meine Gedanken

Großbritannien ist das Land, das uns Harry Potter, Sherlock Holmes und Doctor Who beschert hat. Shakespeare, Jane Austen, Jojo Moyes und Matt Haig sind nur eine spontane, kleine Auswahl zahlreicher phänomenaler Autoren von der Insel. Dazu bietet Großbritannien Reisenden wunderschöne Landschaften, beeindruckende Sehenswürdigkeiten und ein angenehmes Klima (ich würde leichten Dauerregen Hitze jederzeit vorziehen). Kurz: Großbritannien hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Daher war ich sofort interessiert, als ich im Bloggerportal über Die Nerven, die Briten! gestolpert bin. Ein Brite, der mir auf humorvolle Weise seine Landsleute näherbringt? Perfekt!

Hawkins hat sein Büchlein nach den verschiedensten Lebensbereichen und möglichen Situationen gegliedert und ein ausführliches Register sorgt zusätzlich dafür, dass jede Frage zu britischen Eigenheiten schnell beantworten werden kann. Doch wer eine Reise nach Großbritannien oder vielleicht sogar einen längeren Aufenthalt plant und sich auf den Umgang mit den Landesbewohnern vorbereiten will, ist mit diesem Werk vielleicht nicht am besten bedient. Sein Ärger über den Brexit ist ganz klar Hawkins Motivator für dieses Buch (das schreibt er selbst im Vorwort) und dementsprechend schonungslos führt er seine Landsleute vor. Es braucht nicht viel, um eine Ausführung der skurrilsten Eigenschaften der Briten in ein Gag-Feuerwerk zu verwandeln. Hawkins findet zudem stets die richtigen Worte, um aus einer humorvollen Anekdote ihr komplettes Potenzial herauszuholen. Dabei treibt er seine Ausführungen teilweise derart auf die Spitze, dass man sich stellenweise fragt, ob man in Zukunft nicht lieber einen riesen Bogen um die britischen Inseln und ihre merkwürdigen Einwohner machen sollte. Denn Hawkins erweckt den Eindruck, dass natürlich jeder einzelne Brite absolut alle der ausgeführten seltsamen Eigenschaften in sich vereint und ununterbrochen zur Schau trägt. Was der Autor hier betreibt ist Stereotypisierung auf höchstem Niveau. Wirklich vorwerfen kann ich ihm das nicht, denn genau darin liegt der ganze Spaß.

Dass es sich bei Die Nerven, die Briten! trotz seines Aufbaus in erster Linie nicht wirklich um ein hilfreiches Nachschlagewerk handelt, merkt man schnell, wenn man mehrere Kapitel gelesen hat. Sicher wäre die Kernaussage eines Kapitels auch ohne den Kontext verständlich, doch ständig werden Wortspiele und Anekdoten aus den vorherigen Kapiteln aufgegriffen. Wer also das volle Lesevergnügen ausschöpfen möchte, sollte das Buch brav von vorne bis hinten durchlesen.

Ursprünglich wurde das Buch als zweisprachige Ausgabe angekündigt und ich bin etwas enttäuscht, dass es dabei nicht geblieben ist. Insbesondere mögliche Dialoge mit und zwischen Briten, die Hawkins öfter anführt, um seine Ausführungen zu verdeutlich, hätte ich gerne in der Originalsprache gelesen.

Meine Empfehlung

Unter dem Deckmantel einer „Gebrauchsanweisung“ ist Die Nerven, die Briten! eine bitterböse und dabei humorvolle Abrechnung Hawkins mit den eigenen Landsleuten. Wer Großbritannien kennt und liebt wird vieles natürlich schon kennen und vielleicht sogar in sich selbst wiedererkennen. Denn was Hawkins vergisst zu erwähnen, ist Folgendes: die Briten färben irgendwann ab, wenn man zu lange konsumiert, was sie alles liefern. Wer die Briten ohnehin nie mochte wird selbstgefällig nicken und sagen „Das habe ich mir immer schon gedacht!“. So oder so ist es ein riesen Spaß, Die Nerven, die Briten zu lesen.

Mit seinem Taschenbuchformat und 10 € Ladenpreis ist dieses Buch das perfekte Geschenk für jeden, der Großbritannien liebt und sich bald dorthin auf den Weg macht. Aber dabei bitte den Inhalt des Buches bloß nicht (zu) ernst nehmen!

Vielen Dank an den Goldmann Verlag und das Bloggerportal von Randomhouse für das kostenlose Rezensionsexemplar.


Verlag: Goldmann | ISBN: 978-3-442-17725-7 | Format: Taschenbuch | Seitenzahl: 288 | Quelle Coverbild: Bloggerportal

Literatur

7 Vorsätze für mein Lese- und Bloggerverhalten 2018

Das Jahr ist jetzt schon zwei Wochen alt und obwohl ich mir an Silvester bewusst keine Vorsätze für das neue Jahr überlegt habe, sind mir inzwischen doch ein paar Ideen gekommen, wie ich mein Leseverhalten 2018 gerne etwas verändern würde.

Meine Reading Challenge schaffen

Dieser Vorsatz sollte selbsterklärend sein. Doch obwohl meine Ziele in den letzten Jahren mit 20 – 30 Büchern im Jahr schon verhältnismäßig niedrig angesetzt waren, habe ich es seit 2014 nicht mehr geschafft, meine Challenges zu beenden. Grundsätzlich bin ich nicht gewillt, mich von einem Hobby unter Druck setzen zu lassen, aber es gibt noch so viele Bücher, die ich lesen möchte und an jedem Jahresende bin ich aufs Neue enttäuscht, wie wenige davon ich abhaken kann.

2018 Reading Challenge

2018 Reading Challenge

Sabrina has read 3 books toward her goal of 25 books.

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Darum habe ich mir dieses Jahr zwar wieder „nur“ 25 Bücher zum Ziel gesetzt, bin aber zum ersten Mal auch tatsächlich bestrebt, dieses Ziel zu erreichen. Wie ich das schaffen kann bringt mich gleich zu meinen nächsten beiden Zielen:

Öfter ein Buch mitnehmen

Obwohl ich mich als Bücherwurm bezeichnen würde und noch dazu (offensichtlich) Buchbloggerin bin, habe ich nicht immer ein Buch in meiner Handtasche. Das ist sogar eher die Ausnahme. Ich weiß, ich weiß: Schande über mein Haupt und so. Im Bus kann ich nicht lesen, 15 min S-Bahnfahrt sind mir zu kurz zum Lesen, mein Rucksack für die Uni ist sowieso schon voll und schwer und wenn ich unter Freunden und Bekannten bin konzentriere ich mich lieber auf sie, als dass ich meine Nase in ein Buch stecke. Alles Gründe, mit denen ich vor mir rechtfertige, das Buch von vorne herein daheim zu lassen. Doch dann hat der Bus Verspätung und ich sitze gelangweilt an der Haltestelle oder die 15 min in der S-Bahn scheinen besonders langsam vorbei zu gehen oder ich muss auf meine Freunde warten und dann hätte ich plötzlich Zeit zum Lesen, aber kein Buch. Daher mein Vorsatz für 2018: Öfter ein Buch mitnehmen, auch wenn es nicht danach aussieht, dass ich zum Lesen kommen werde.

Keine Fanfictions lesen

Viel zu häufig ertappe ich mich dabei, mich zwischen meinen ungelesenen Büchern nicht entscheiden zu können und dann lande ich stattdessen bei diversen Portalen mit Fanfictions, weil ich hier das Gefühl habe, eine geringere Verpflichtung einzugehen. Fanfictions sind häufig deutlich kürzer als ein Roman und lassen sich vielleicht sogar innerhalb eines Abends beenden. Grundsätzlich ist an Fanfictions nichts auszusetzen, einige der Geschichten sind sogar richtig gut. Doch zum einen tut es meinen Augen nicht gut, nach einem Tag am Computer auch noch in das Tablet zu starren. Und zum anderen bringt es mich kein Stück weiter, meine Liste mit ungelesenen Büchern abzuarbeiten und dann brauche ich mich am Ende vom Jahr eigentlich nicht zu wundern. Absolut keine Fanfictions zu lesen scheint vielleicht ein harter Schritt zu sein, doch „weniger“ ist eine derart ungenaue Angabe, dass sie mich vermutlich nirgendwo hinführen würde.

Meinen Stapel ungelesener Bücher (SuB) abbauen

Meine Auflistung sagt, dass ungefähr 40 ungelesene Bücher in meinem Regal stehen. Im Verhältnis zu der Anzahl Bücher, die ich insgesamt besitze, sind das einige. Natürlich gibt es noch viel mehr Bücher auf meiner Zu-lesen-Liste, die es noch nicht in mein Regal geschafft haben, oder in Bibliotheken nur darauf zu warten scheinen, von mir ausgeliehen zu werden. Um auch diesen Werken eine Chance einzuräumen, habe ich mir überlegt, dass es realistisch wäre, dieses Jahr 10 Bücher aus meinem eigenen Schrank zu lesen.

Ein Teil meines SuB
Mehr Rezensionen schreiben

Als ich mit dem Bloggen begonnen habe, habe ich noch fast jedes Buch rezensiert und mich teilweise gewundert, wie wenig Rezensionen andere auf ihrem Blog haben, wenn ich mir ihr Lesepensum angesehen habe. Inzwischen merke ich auch bei mir, dass ich in meinen Jahresrückblicken, in denen ich alle gelesenen Bücher aufliste, immer weniger Rezensionen verlinken kann. Manchmal schiebe ich Rezensionen so lange vor mir her, bis ich sie entweder vergesse oder mich an das Buch oder den Film kaum noch erinnere. Häufig hingegen habe ich das Gefühl, nichts oder zumindest nichts Interessantes über ein Werk sagen zu können. Doch durch Rezensionsexemplare habe ich gemerkt, dass es hilft, mich manchmal einfach zu pushen. Wenn ich keine andere Wahl hatte, als die Rezension zu schreiben, kamen die Worte dann irgendwann doch. Diese Erkenntnis will ich nutzen, und bei jedem Buch zumindest den Versuch starten, eine Rezension zu schreiben. Vielleicht sind auch mehrere Kurzrezensionen am Ende eines Quartals die richtige Lösung für mich. Mein Ziel ist es, am Ende von 2018 in meinem Jahresrückblick zu ca. 30 % der gelesenen Bücher eine Rezension verlinken zu können. Für Rezensionen zu Filmen habe ich mir kein Ziel gesetzt.

Mehr freie Beiträge schreiben

Keine Sorge, „mehr Rezensionen“ soll nicht heißen, dass sich hier nur noch Rezensionen an Rezensionen reihen und die Abwechslung nur noch darin besteht, ob ein Film oder ein Buch besprochen wird. Ich verspüre auch den Wunsch, mehr „freie“ Beiträge zu schreiben, die frei von der Seele weg das behandeln, was mich gerade beschäftigt. Meine Freitags-Favoriten habe ich im letzten Jahr einschlafen lassen und könnte sie dringend mal wiederbeleben. Dafür habe ich 2017 angefangen, Reiseberichte zu verfassen, die überraschend gut ankamen. Mal schauen, wo es mich in diesem Jahr hin verschlägt, aber eines ist sicher: Ihr werdet hier davon lesen. Bald werde ich mein Masterstudium in Germanistik/Literaturwissenschaft beenden, also wie sieht es aus: Würden euch Erfahrungen aus dem Studium und Ratschläge interessieren?

Mehr in die Bloggercommunity einbringen

Rund um die Frankfurter Buchmesse ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie gut sich viele Blogger gegenseitig kennen. Und obwohl ich natürlich einer Vielzahl von Blogs, Twitter- und Instagramaccounts folge, fehlen mir die persönlichen Beziehungen. Inzwischen habe ich schon angefangen, mehr zu liken, zu kommentieren und mich an Unterhaltungen zu beteiligen und möchte das auch weiter beibehalten.

Buchrezension · Literatur

George Orwell: 1984

London, 1984: Die Welt ist in drei Großmächte gespalten: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Winston Smith lebt in Ozeanien, einem Staat, in dem Die Partei alle Lebensbereiche kontrolliert. Repräsentiert wird sie von dem omnipräsenten Großen Bruder. Teleschirme übermitteln jede Bewegung und jedes Geräusch, „Big Brother is Watching You“! Die Gedanken der Gesellschaft werden bis zur absoluten Kontrolle geformt durch Parolen und durch selektive, manipulierte Nachrichtenübermittlung. Doch obwohl Smith als Mitglied der Partei selbst an derartigen Manipulationen beteiligt ist, sträubt sich sein Verstand dagegen, das eigene Denken aufzugeben und sich einzugliedern.

Meine Gedanken

Anfangs tat ich mir schwer, die in 1984 entworfene Welt zu verstehen. Es waren für den Handlungsverlauf beinahe unwichtige Details, an denen ich mich störte. Wie kann es beispielsweise sein, dass London in Ozeanien liegt? Erst als sich dieses und andere Details für mich geklärt hatten, schaffte ich es, mich auf die Geschichte einzulassen. Vielleicht liegt es daran, dass der Roman erst ab dem zweiten seiner drei Teile wirklich interessant für mich wurde, vielleicht passiert jedoch im ersten Teil tatsächlich zu wenig. Dafür wird es umso spannender, wenn die Strategien der Partei langsam durchschaubarer zu werden scheinen, auch wenn der Leser sie nie in ihrer ganzen Komplexität erfassen kann. Viel interessanter ist sowieso die Frage, ob ein Aufstand möglich sein kann und wer dafür in Frage kommt. In einem Überwachungsstaat trägt jeder nach außen hin eine Maske und so wird keine der Figuren greifbar in dem Sinne, dass sie für den Leser durchschaubar wird.

1984 liest sich nicht nur als spannender Roman, sondern auch als Kritik an der Menschheit und hier liegt seine wahre Stärke. Orwell beschreibt eine Zukunftsvision, deren beschriebene Zeit inzwischen bereits Jahrzehnte zurückliegt. Leicht ist man geneigt, erleichtert aufzuatmen, dass sich die Welt nicht wie hier beschrieben entwickelt hat. Dennoch hat 1984 seine Aktualität nie eingebüßt. Vor allem die subtilen Methoden der Partei, mit der sie die Gesellschaft manipulieren und so ihre Macht sichern, sind zeitlos und funktionieren tagtäglich auch in unserer Welt. Orwell zeigt eindrücklich und gnadenlos die Schwächen der Menschheit auf: Unter anderem den Machthunger einiger, den Gruppenzwang der Masse, und vor allem aber die Bequemlichkeit, seinen eigenen Verstand nicht zu benutzen und den Status Quo zu hinterfragen.

Zuletzt möchte ich noch die außerordentlich gelungene Gestaltung der Neuauflage betonen, erschienen 2017 im Ullstein Taschenbuchverlag. Das schwarz-weiße Cover mit dem Auge in der 8 von 1984 und der schwarze Buchschnitt, fangen in ihrer Schlichtheit wirkungsvoll die Stimmung des Romans ein.

Meine Empfehlung

Dystopien der Überwachung spielen gefühlt in immer mehr Romanen eine Rolle, nicht zuletzt in Marc-Uwe Klings QualityLand. 1984 ist dabei so etwas wie die Mutter dieser literarischen Gattung oder zumindest einer ihrer Ursprünge. Wer sich also für Erzählungen dieser Art interessiert, darf George Orwells Werk auf keinen Fall auslassen. Doch auch generell gilt: 1984 ist aus gutem Grund eines der Jahrhundertwerke des 20. Jahrhunderts und diese werden leider innerhalb und außerhalb des Schulbetriebs viel zu wenig gelesen.

Vielen Dank an die Ullstein Buchverlage für das kostenlose Rezensionsexemplar.


Verlag: Ullstein Buchverlage | ISBN: 978-3-548-23410-6 | Format: Taschenbuch | Seitenzahl: 384 | Originaltitel: 1984| Quelle Coverbild: Webseite des Verlags

Lesechallenges · Literatur

Mein Jahr 2017 in Büchern

Schon wieder ist ein Jahr zu Ende und wenn ich auf meine gelesenen Bücher in diesem Jahr zurückschaue, dann sind das nicht so viele, wie ich mir Anfang des Jahres erhofft hatte. Zu Mal ich manche davon nicht ganz freiwillig für mein Studium gelesen habe. Mein mentaler und physischer Stapel ungelesener Bücher ist dafür stetig gewachsen und ich ertappe mich dabei, zu hoffen, dass ich 2018 wieder mehr zum Lesen komme.

Wenn ich auf mein Lesejahr 2017 zurückblicke, kann ich ein paar Veränderungen und Highlights in meinem Leseverhalten nicht unerwähnt lassen:

Rezensionsexemplare

Zum ersten Mal habe ich mich in diesem Jahr an Rezensionsexemplare herangetraut. Bisher hatte ich mich zurückgehalten, da ich mir einerseits keine großen Chancen ausrechnete und andererseits nicht die Verpflichtung eingehen wollte, eine Rezension schreiben zu müssen. Doch im Mai gab ich mir endlich einen Ruck und mit seitdem Mitglied des Bloggerportals von Randomhouse. Mir hat gefallen, dass ich nur einmal meine Daten hinterlegen muss und neue Bücher über einen einfachen Klick anfragen kann. Meine Erfahrungen waren durchweg positiv (auch wenn ich natürlich nicht alle Bücher bekommen habe, die ich mir erhofft hatte) und ich werde die Plattform sicher auch im nächsten Jahr weiter nutzen.
Bis Oktober hatte ich sogar so viel Mut angesammelt, dass ich bei der Frankfurter Buchmesse persönlich am Stand von Ullstein vorsichtig angefragt habe, ob denn generell die Möglichkeit bestehe, Rezensionsexemplare zu erhalten. Ohne allzu große Hoffnung ließ ich meine Herzenswünsche da und konnte mich tatsächlich einige Zeit später über Buchpost freuen.
Hiermit möchte ich mich nochmals bei den Verlagen der Randomhouse-Gruppe und bei Ullstein für die zugesandten Rezensionsexemplare bedanken.

Rezensionsexemplare, die mir 2017 zugesandt wurden
Die Baker Street Bookworms

Ebenfalls zum ersten Mal in meinem Leben bin ich einem Buchclub beigetreten: Den Baker Street Bookworms! Die Autorin Adriana Popescu hat diesen Buchclub im Sommer ins Leben gerufen und ich war von Anfang an dabei. Jeden Leseabschnitt aufs Neue bin ich von der Bücherwahl begeistert, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir Leser rege mitbestimmen dürfen.
Im August war ich mit Matt Haigs How to Stop Time und Sieben Minuten nach Mitternacht von Patrick Ness gut dabei. Von September bis November hat mich der Unistress eingeholt und ich musste leider aussetzen. Doch Der Glasmurmelsammler von Cecelia Ahern und Reasons to Stay Alive von Matt Haig stehen seitdem trotzdem in meinem Bücherregal. Diesen Monat kam ich endlich dazu, mit Reasons to Stay Alive zu beginnen und wie gefühlt jeder deutsche Buchblogger in meiner Twittertimeline habe ich mich von der Weihnachtsgeschichte A Boy Called Christmas, ebenfalls von Matt Haig, verzaubern lassen. George Orwells 1984 war mein eigener Vorschlag, der es dieses Mal in die Leserunde geschafft hat und begleitet mich in meinem Silvesterurlaub.

Neu entdeckt: Matt Haig

Ein Name, der bei den Baker Street Bookworms immer wieder auftaucht ist Matt Haig. Und das mit Recht! Ich persönlich hatte von dem britischen Autor vor Erscheinen seines neusten Romans How to Stop Time noch nie gehört. Doch ich habe mich sofort in seinen Schreibstil verliebt und immer mehr seiner Werke sind auf meine Bücherwunschliste gewandert. Egal, ob ein Kinderbuch wie A Boy Called Christmas oder sein autobiografischer Text Reasons to Stay Alive, in dem er von seiner Depression berichtet, bisher konnten mich seine Worte immer berühren. Langsam aber sicher entwickelt sich Matt Haig zu meinem Lieblingsautor.

Das waren meine Bücher 2017
    1. Jessie Burton: The Miniaturist
    2. Marie-Sabine Roger: Der Poet der kleinen Dinge
    3. Franz Kafka: Die Verwandlung
    4. Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst
    5. William Shakespeare: Romeo und Julia
    6. Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch
    7. Dan Vyleta: Smoke
    8. Hermann Hesse: Unterm Rad
    9. F. Scott Fitzgerald: Der seltsame Fall des Benjamin Button
    10. Andrea Cremer und David Levithan: Was andere Menschen Liebe nennen
    11. Zelda Fitzgerald: Ein Walzer für mich
    12. J.P. Monninger: Liebe findet uns
    13. Dave Eggers: Der Circle
    14. Matt Haig: How to Stop Time
    15. Patrick Ness: Sieben Minuten nach Mitternacht
    16. Historia von D. Johann Fausten
    17. Elias Canetti: Die gerettete Zunge
    18. Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt
    19. Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff
    20. Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Night-Time
    21. Thomas Mann: Der Tod in Venedig
    22. Marc-Uwe Kling: QualityLand
    23. Heinrich von Kleist: Die Verlobung in St. Domingo
    24. (Matt Haig: Reasons to Stay Alive) [begonnen]
    25. Matt Haig: A Boy Called Christmas
    26. (George Orwell: 1984) [begonnen]

2017 Reading Challenge

2017 Reading Challenge
Sabrina has
read 22 books toward
her goal of
35 books.
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Hörbücher
  1. James Bowen: Bob und wie er die Welt sieht
  2. James Graham: High Rise